Samstag, 23. Februar 2019, 16:22 UTC+1

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InaB

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1

Freitag, 18. Januar 2019, 13:47

Ein eigener kleiner Mensch

Liebe Mamas und Papas,ich habe unter "Ich habe mein Baby tot geboren"->"Dankbar für dieses Erlebnis" meine und die Geschichte von unserem ersten Sohn beschrieben.

Ich bin nun wieder schwanger, in der 21. SSW und finde, dass unserer zweiter Sohn seinen eigenen Eintrag in diesem Forum verdient.Außerdem möchte ich gerne wissen, wie andere Mütter in meiner Situation gefühlt haben. Da unser Folgekind auch ein Junge ist, erwische ich mich manchmal dabei, wie ich denke, dass unser erster Sohn wieder in meinem Bauch ist. :( das macht mich dann sehr traurig, weil dieses Kind natürlich ein eigener kleiner Mensch ist. Dann habe ich ihm gegenüber Schuldgefühle, weil ich ihn wohl nicht so annehmen kann.
Ich habe ihm jetzt schon einen Namen gegeben (Tom), damit ich ihn mehr als eigene Persönlichkeit begreife und nicht den Namen von unserem ersten Sohn benutze. Ich hoffe, dass das hilft.

Hat denn hier jemand ähnliche Erfahrungen gemacht?
Ich mache mir große Sorgen, dass unser Folgekind darunter leiden könnte, dass es einen großen verstorbenen Bruder hat.Ich würde mich freuen, von euch zu lesen.

FeliMo

unregistriert

2

Samstag, 19. Januar 2019, 14:04

Liebe InaB,
erstmal herzlichen Glückwunsch zu deiner neuen Schwangerschaft. Ich freue mich immer so sehr, wenn ich lese dass eine Sternenkindmami wieder ein Baby erwartet. Auch kann ich deine Ängste und Zweifel gegenüber deinem zweiten Sohn sehr gut nachvollziehen. Denn mir ging es sehr ähnlich, ich erzähle einfach kurz unsere Geschichte. Ich wurde im November 2015 nach langer Kinderwunschzeit schwanger, leider wurde es ein früher Abgang. Umso mehr freuten wir uns, dass ich sofort wieder schwanger wurde. Es war eine völlig unkomplizierte schwangerschaft, unser Sohn Felix gedieh prächtig und auch meine Frauenärztin sprach immer von einer Bilderbuchschwangerschaft. Bis zur 36. SSW da hatte ich plötzlich das Gefühl dass etwas nicht stimmt und Felix sich nicht oder nur sehr wenig bewegt. Wir waren dann im Krankenhaus, aber es war alles in Ordnung. Also war ich wieder beruhigt und hab mir selbst gut zugeredet dass bestimmt alles gut gehen wird. 5 Tage später war ich wieder zur Kontrolle bei meiner Frauenärztin und dort habe ich erfahren, dass unser Felix gestorben ist. Alles in mir brach zusammen, denn die vermeintlichen Bewegungen von Felix in den letzten Tagen waren wohl schon Vorwehen. Und so kam einen Tag später, am 10. August 2016 unser perfekter Sohn zur Welt. Es wurde keine Ursache für seinen Tod gefunden und auch bei mir war körperlich alles in Ordnung.
Genau ein Jahr später wurde ich wieder schwanger, ich wäre gerne wieder früher schwanger geworden. Im nach hinein war es aber wohl für mich genau richtig.
Auch diese Schwangerschaft verlief ohne Probleme und als ich in der 19. SSW erfahren habe dass wir wieder einen Sohn bekommen hatte ich die selben Gefühle wie du. Ständig fragte ich mich ob es vielleicht wieder Felix ist der in meinem Bauch wächst und auch ich hab meinen zweiten Sohn versehentlich immer mit Felix angesprochen weshalb auch wir uns schnell auf einen Namen für unseren zweiten Sohn geeinigt haben. Als die Schwangerschaft weiter voran schritt hatte ich aber immer mehr das Gefühl hier kommt ein neuer Mensch zu mir. Moritz bewegte sich so anders so viel intensiver als Felix, das machte es mir etwas leichter.
Als Moritz dann am 26. April 2018 vollkommen gesund und lebendig zur Welt kam waren wir natürlich überglücklich, doch Moritz sah seinem Bruder so ähnlich, dass mich die Trauer um Felix nochmal vollkommen überrollte. Plötzlich hatte ich Bedenken ob ich Moritz überhaupt so lieben könnte wie Felix. Doch natürlich konnte ich das, genauso wie du es können wirst. Mach dir keine Sorgen, dass euer Tom darunter leiden wird weil sein großer Bruder verstorben ist. Du hast alles für deinen ersten Sohn getan und das gleiche wirst du für deinen zweiten Sohn machen.
Natürlich denke ich oft darüber nach, wie Felix wohl wäre. Aber ich habe auch akzeptiert, dass sein Weg nunmal ein anderer war. Und ich bin sehr stolz und dankbar, dass er mich als seine Mama ausgesucht hat. Im Moment bestimmt natürlich Moritz meinen Alltag, er ist ein kleiner Wirbelwind und Strahlemann und er fordert seinen Raum, was ja auch richtig ist. Aber auch jetzt erzähle ich ihm schon immer von Felix und das wird auch so bleiben.
Ich freue mich von dir zu hören und wünsche dir weiterhin alles gute für die Schwangerschaft.
Liebe Grüße

InaB

unregistriert

3

Sonntag, 20. Januar 2019, 19:16

Liebe FeliMo,
vielen Dank für deine Antwort und herzlichen Glückwunsch zu deinem gesunden, fröhlichen Folgekind Moritz. Es tut mir sehr leid, dass Felix' Leben so kurz war. Im Laufe der Jahre werden von Moritz bestimmt viele Fragen zu seinem Bruder kommen und ich finde es sehr schön, dass du ihm jetzt schon von Felix erzählst. So ist und bleibt er immer Teil eurer Familie.

Ich finde es irgendwie beruhigend zu lesen, dass es dir in der Schwangerschaft mit Moritz genauso ging, wie mir jetzt. Es ist schön zu sehen, dass es normal ist, so zu fühlen. Du schreibst, dass die Ähnlichkeit nach der Geburt zwischen deinen Kindern so groß war und es für dich dadurch sehr schwer war. Das stelle ich mir auch manchmal vor: Wie ich wohl damit umgehe, wenn Tom mich auch nach der Geburt weiter an unseren ersten Sohn erinnert. Es ist schön von dir zu lesen, dass es mit der Zeit besser wird und du Moritz auch genauso lieben kannst!
Ich denke auch, dass ein gewisser Abstand zwischen der Geburt und einer neuen Schwangerschaft gut ist. Gerade damit man das nächste Kind als eigene Persönlichkeit begreifen kann. Ich hatte letzten Juni eine Eileiterschwangerschaft und bin im Nachhinein froh darüber, dass es nicht direkt wieder geklappt hat. Als wir dann den nächsten Versuch im September unternommen habe, hat unser Sohn direkt zu uns gefunden. Das fühlt sich jetzt auch irgendwie richtig an. Es sind über 9 Monate verstrichen seit der Geburt und es hat dann sofort geklappt. Ich nehme es manchmal als Zeichen, dass Tom wirklich gern zu uns kommen wollte.

Gestern waren wir auf einer Hochzeit mit vielen neuen Leuten. Einige wussten von unserem ersten Sohn, aber andere eben nicht und die haben dann angenommen, dass es unsere erste Schwangerschaft ist. Wenn jemand mich direkt fragt "Ist es euer erstes Kind?", dann sage ich direkt "Nein...". Aber manchmal fragen die Leute nicht so direkt, oder nur, wann es soweit ist und es ergibt sich irgendwie für mich nicht, dass ich von unserem ersten Sohn erzähle und dann fühle ich mich schlecht. Ich möchte gerne jedem von ihm erzählen, aber es ist auch ein Thema mit dem viele Leute nicht umgehen können. Ich habe für mich noch nicht den richtigen Weg gefunden, wie ich entweder das Thema offen anspreche, oder zumindest kein schlechtes Gewissen habe, wenn ich es nicht tue.

FeliMo, wie gehst du damit um, wenn dich jemand fragt, oder auch nicht fragt?

FeliMo

unregistriert

4

Dienstag, 22. Januar 2019, 10:58

Liebe InaB,
schön von dir zu lesen :)
Ich freue mich, dass es genau zum richtigen Zeitpunkt mit der jetzigen Schwangerschaft bei euch geklappt hat. Ich denke du kannst das ruhig als Zeichen sehen, dass Tom eben genau jetzt zu euch will.
Ich sehe das genauso mit dem Abstand zwischen den Schwangerschaften, wir haben 6 Monate nach Felix Tod wieder angefangen zu üben, aber eigentlich war ich noch nicht dafür bereit. Klar ich wollte unbedingt ein Kind, mein Kinderwunsch war stärker denn je und trotzdem konnte ich kein neues Kind in mein Leben lassen. In dieser Zeit war ich jeden Tag bei Felix auf dem Friedhof und ich habe mir nicht vorstellen können ihn mal nicht zu besuchen. Nach einem knappen Jahr hat sich das dann verändert, da hat sich auch die Trauer verändert. Ich war vor Felix Tod ein sehr lebensfroher Mensch und zum Glück wurde ich das dann auch wieder mehr und mehr. Und genau dann hat sich Moritz dazu entschieden zu uns zu kommen. Ich sehe es also auch als Zeichen, dass Moritz nur darauf gewartet hat bis ich bereit für ihn bin. Wenngleich ich die Wartezeit damals als anstrengend empfunden habe, na ja vieles begreift man ja erst hinter her.

Die Ähnlichkeit zwischen den beiden war wirklich sehr groß und ich habe am Anfang tatsächlich viel verglichen und mich gefragt ob Felix genauso wäre. Aber Babys verändern sich ja so schnell sodass sich das mit dem vergleichen mehr und mehr erledigt hat. Felix bleibt nunmal in meiner Erinnerung mein kleines Baby. Aber die Trauer traf mich nochmals mit voller Wucht, ich merkte was ich eben mit Felix nie erleben werde. Was ich wirklich verloren hatte. Ja ich muss sagen, dass die erste Zeit für mich tatsächlich sehr schwierig war, die Trauer, das große Glück und auch die Angst, dass Moritz etwas passieren könnte. Aber Moritz war von Anfang an ein so fröhliches Kind und ich habe mir erlaubt, dass ich trotzdem um Felix trauern darf. Das hat mir sehr geholfen, zu verstehen, dass eben mit der Geburt eines neuen Kindes nicht alles wieder gut ist. Das habe ich nämlich so oft gehört, von Verwandten und Bekannten, dass ja jetzt alles wieder gut ist.
Ich glaube du wirst bestimmt einen guten Weg für dich und deine beiden Jungs finden. Du machst das ja jetzt schon so toll.

Mit dem erzählen von Felix geht es mir wie dir. Wenn mich jemand direkt fragt, ob Moritz unser erstes Kind ist sag ich auch immer gleich nein... aber tatsächlich ist es mir in der Schwangerschaft öfter passiert, dass eben nicht direkt gefragt wurde und dann hab ich nichts von Felix gesagt. Ich hab mich dann immer gleich bei Felix entschuldigt, aber so war es eben manchmal einfacher, zum Beispiel beim Geburtsvorbereitungskurs. Denn wie du schon sagst viele können damit nicht umgehen. Wie du siehst bin ich also in derselben Zwickmühle wie du :(

Hast du denn jetzt auch ein Beschäftigungsverbot bekommen? Und gehst du noch in eine Trauergruppe? Ich habe da leider nicht die richtige Gruppe für mich gefunden.

Ich wünsche dir eine schöne Woche,
Liebe Grüße

InaB

unregistriert

5

Sonntag, 27. Januar 2019, 19:01

Hallo FeliMo,

es klingt für mich auch so, als ob Moritz gerade im richtigen Moment zu euch gefunden hat. Ich finde die Vorstellung auch schön, dass sich die Kinder die Eltern aussuchen und nicht umgekehrt.
Du schreibst, dass du oft gehört hast, dass nun wieder alles gut sei. Gab es auch Leute in deinem Umfeld, die dich verstanden haben?
Wenn ich merke, dass jemand denkt es sei alles wieder gut, dann übertreibe ich ehrlich gesagt manchmal sogar mit meiner Trauer, damit ich den Leuten verständlich machen kann, dass es eben nicht gut ist, selbst wenn ich wieder schwanger bin.

Die Trauergruppe findet bis Juli statt. Da werde ich ja vermutlich früher aussteigen müssen. Es tut unheimlich gut, mit Menschen zu reden, die die gleichen Sorgen haben und die eigenen Gefühle teilen und verstehen.
Schade, dass es für dich keine passende Gruppe gibt. Aber dieses Forum ist zumindest für mich auch sehr hilfreich. Ich hoffe, dass du hier auch Kraft schöpfen kannst und dich beim Teilen deiner Erfahrungen besser fühlst!

Ich arbeite schon seit Anfang der Schwangerschaft nur noch 5h am Tag und das fühlt sich bis jetzt genau richtig an. Ein komplettes Verbot ist, denke ich, nicht nötig, da mir die Arbeit auch Spaß macht. Meine Ärztin fragt mich jedoch jedes Mal sehr eindringlich, ob es mit der Arbeit noch klappt. :)

Ich wünsche dir und allen anderen Eltern hier einen guten Start in die neue Woche!

FeliMo

unregistriert

6

Donnerstag, 31. Januar 2019, 20:29

Hallo InaB :) ,
es ist wirklich eine schöne Vorstellung, dass wir von unseren Kindern gefunden werden :love: .
Seit Moritz auf der Welt ist, glaube ich da noch mehr dran.
Du hast gefragt, ob es auch Menschen gab die mich verstanden haben. Und ja zum Glück gab und gibt es diese Menschen. Eine meiner Schwestern ist ganz fantastisch und eine sehr liebe Freundin fragt sehr oft nach. Es gibt aber auch Nachbarn die öfter fragen wie es uns in der Situation geht. Heute zum Beispiel hat mich eine Mama aus meinem Sportkurs nach Felix und Moritz gefragt. Das hat mich sehr gefreut, dass Felix auch von anderen nicht vergessen wird.
Bei Leuten die so tun als ob es Felix nicht gegeben hätte, oder meinen alles wär wieder gut bin ich mittlerweile sehr kurz angebunden, so komme ich am besten damit klar.

Schön dass du die richtige Gruppe gefunden hast. Ich muss gestehen, dass ich auch nicht sehr intensiv nach einer Gruppe gesucht habe. In der Gruppe in der ich mal war, hatte ich das Gefühl, dass einige in ihrer Trauer hängen geblieben sind. Natürlich ist uns das schrecklichste passiert und wir vermissen unsere Kinder unendlich. Auch wird immer der Schmerz bleiben und trotzdem darf das Leben wieder schön sein. So denke ich zumindest, ich wollte nicht, dass die Trauer mein Lebensmittelpunkt bleibt. Aber so wie du es beschreibst klingt es sehr gut. er Und wie du auch schreibst hat mir dieses Forum sehr geholfen und tut es noch, obwohl ich bis jetzt ja nur still mitgelesen hatte.

Ich habe in der Schwangerschaft mit Moritz auch weiterhin gearbeitet, meine Ärztin fragte mich am Anfang der Schwangerschaft ob ich das möchte und da mir meine Arbeit auch Spaß macht und körperlich nichts dagegen sprach, war das genau die richtige Entscheidung. Also ähnlich wie bei dir :)

Wie geht es dir im Moment in der Schwangerschaft, wie sind deine Gefühle zur Zeit? Darf ich fragen wann du genau Termin hast?

Ganz liebe Grüße

InaB

unregistriert

7

Montag, 4. Februar 2019, 20:13

Liebe FeliMo,

es freut mich sehr zu hören, dass du liebe Menschen in deinem Umfeld hast, die Felix nicht vergessen und sich auch trauen nachzufragen! Das ist sehr viel wert.

Das "in der Trauer hängen bleiben" kommt mir auch bekannt vor. Zum Glück nicht von mir selbst, aber von einer Teilnehmerin der Trauergruppe. Leider ist es ihr noch nicht möglich, etwas in der Therapie zu sagen ohne, dass sie anfangen muss zu weinen. Die restliche Gruppe wird mit jedem Mal lockerer und tatsächlich auch irgendwie lustiger, aber sie kann da leider nicht wirklich mitmachen.
Das klingt jetzt vielleicht auch unangemessen, aber die Treffen machen auch irgendwie Spaß. Ich denke, dass sich die meisten Eltern freuen, über ihre Kinder zu reden und sich auszutauschen.

Termin habe ich am 6.6.
Es ist also noch ein bisschen Zeit. Bei der letzten Schwangerschaft hatte ich starke Symphyseschmerzen und konnte zum Schluss gar nicht mehr ohne Schmerzen laufen. Diese mal habe ich es (bis jetzt) mit ein paar Übungen ganz gut um Griff und habe mich schon gefreut, dass ich schöne Spaziergänge machen kann. Leider bekomme ich jetzt aber schon nach ein paar Kilometern starke Bauchschmerzen. Aber auch immer nur auf der rechten Seite. Da traue ich mich natürlich wieder nicht, viel zu laufen :(
Das macht mir zur Zeit ein wenig zu schaffen. Ansonsten geht es mir körperlich gut.
Ich spreche meinen Bauchbewohner immer noch oft mit dem falschen Namen an. Aber das Gefühl, dass es sich um meinen ersten Sohn handelt ist nicht mehr so stark. Ich denke, ich akzeptiere langsam (sehr langsam), dass es sich um ein anderes Kind handelt.

Anja

unregistriert

8

Freitag, 8. Februar 2019, 23:28

Liebe Ina!


Wie schön, dass es mit dieser Schwangerschaft spürbar voran geht und du so unkompliziert und versöhnlich damit umgehst. Du frugst im vorherigen Beitrag, wie mein großer Sohn mit der Trauer um seinen verstorbenen Zwillingsbruder zurechtkommt. Da mein verbliebener Sohn frühkindlicher Autist ist, sieht er die Welt er die Welt mit ganz anderen Augen. ;-) Er sagt oft Dinge wie: Wenn ich ein Schmetterling wäre, könnte ich zu Tjure in den Himmel fliegen. Allerdings habe ich auch schon erlebt, dass jemand behauptet, wir würden unserem Kind ewige Trauer vorleben, was dann zu solchen Äußerungen führt. Was wirklich genau in Erik steckt, kann keiner sagen. Aber wir wissen, dass Erik glücklicherweise eine hochfunktionalen Autimus hat und eine Hochbegabung im Bereich des Langzeit- und des Kurzzeitgedächtnisses. Er merkt sich Sachen bis ins kleinste Detail und kann Erinnerungen aus der Kleinkindzeit haargenau abrufen, die sich normslerwrise kein Kind merken würde. Ich würde so gern wissen, ob er vielleicht Erinnerungen an Tjure hat. Ich denke andererseits, dass es auch eine Art Last ist, wenn man der "Überlebende" ist. Da Erik zwar grundsätzlich Gefühle hat, diese aber nicht ausleben und bei anderen Menschen zuordnen kann, wird er in seiner späteren Entwicklung auch nicht in einen Gewissenskonflikt geraten. Er hat quasi Glück, ein Autist zu sein.
Grundsätzlich kann ich dir sagen, dass du bestimmt auch weiterhin deinen verstorbenen Sohn besuchen wirst, allerdings ab Sommer dann mit dem Folgekind. Das kann evtl. befremdlich oder schwierig sein, da dieses Kind Aufmerksamkeit von dir benötigt, die du in dem Moment dann vielleicht gerade nicht geben kannst, weil du ja mit deinen Gedanken und deinem Herzen gerade bei deinem verstorbenen Sohn weilst. Ich war oft bei Tjures Garten mit Kinderwagen, Wickeltasche und habe auf einer Bank Erik gestillt, gewickelt, später Brei gefüttert und ihn auch teilhaben lassen. An Heiligabend hatte ich dann die heulenden, durchgefrorenen Zwillinge mit dabei. Erik war unterwegs. Diese Kinder haben keinen Bezug zu Tjure. Ich hätte mir das sparen sollen. Ich habe die beiden nur angebrüllt, sie irgendwann in den Kinderwagen gesetzt und ihnen schlussendlich Gummibärchen in die Schnüss gesteckt, die ich noch vom Arztbesuch mit Erik in der Tasche gefunden hatte. Es war mir jedes Mittel recht. Ich wollte doch nur 5 Minuten Stille mit Tjure haben. Wenn man Mutter mehrerer Kinder ist, ist es manchmal hilfreicher für alle, Zeiten einzuteilen. Zeit für sich allein beim verstorbenen Kind und dann auch wieder Zeit zum Spielen mit den lebenden Kindern, natürlich ist das verstorbene Kind im Herzen und auch in der Wohnungseinrichtung immer dabei. Erik ist mit Tjures Spielzeug immer vorsichtig umgegangen, kleinen Zwillinge sind eher wild am Werk. Ich habe auch Erik hin und wieder auf dem Friedhof rundgebügelt, aber er gehört für mich und Tjure dazu. Ein Folgekind hat keine Verbindung und das ist auch gut so. Von daher bringe ich die kleinen Zwillinge lieber zum Opa, wenn ich Tjure besuchen will. Wichtig ist nur, dass die Kinder wissen, dass es noch ein Gescheisterkind im Himmel gibt, es mit zur Familie gehört und die Mama auch mal Zeit für dieses Kind haben möchte.
Ich weiß nicht, ob mein Beitrag hilfreich für dich ist. Aber so ungefähr handhaben es auch zwei Sternenmuttis aus unserem Städtchen. Wie man es später angeht, ergibt sich mit der Zeit von selbst.


Ganz liebe Grüße und weiterhin alles Gute für den Bauchbär, Anja

Anja

unregistriert

9

Freitag, 8. Februar 2019, 23:40

Huch! Ich lese gerade noch, ob man nun sein verstorbenes Kind je nach Frage oder Situation erwähnen soll oder nicht. Da ich ja durch Erik schon immer ein Kind hatte, erwähnte ich Tjure entweder sofort oder im zweiten Satz. Also ungefähr so: Mein Sohn macht gerade.... Das habe ich ja leider bei seinem Zwillingsbruder nicht erlebt, da er schnell verstorben ist. Für mich ist es nicht einfacher Tjure zu leugnen. Seine Geschichte erfährt jeder, der sie hören will. Jeder Spaziergänger im Wald, netter Mensch unterwegs, in der Stadt, beim Einkauf. Dafür gibt es meine Satz-Regelung (entweder erster Satz oder spätestens zweiter Satz). Ich erzähle jedem Menschen einmal von Tjure. Nicht in Dauerschleife, sonst meinen die Mitmenschen, dass ich nur ein Thema auf der Pfanne habe und das wäre nicht korrekt.
Ein schönes, sonniges Wochenende, Anja

FeliMo

unregistriert

10

Montag, 11. Februar 2019, 18:30

Liebe InaB,

Ich wollte dir schon längst schreiben, aber mit dem kleinen Wirbelwind komme ich zur Zeit zu nichts :)

Moritz kann jetzt krabbeln und ist seitdem nicht mehr zu bremsen, nichts ist mehr vor ihm sicher, auch nicht die Katzen ;)


Das was du über deine Trauergruppe schreibst hört sich sehr gut an und überhaupt nicht unangemessen. Ehrlich gesagt wäre das genau meine Wunschvorstellung gewesen so wie du es beschreibst.
Vielleicht bin ich einfach zu einem falschen Zeitpunkt zu der einen Gruppe gestoßen, die Stimmung war da so bedrückt, dass ich mir dachte das zieht mich noch mehr runter.

Oh an diese Schmerzen kann ich mich auch noch erinnern, immer wenn ich länger unterwegs war oder ich einen langen Spaziergang gemacht habe, hatte ich immer Bauchschmerzen auf einer Seite. Ich hoffe für dich, dass die Schmerzen nicht schlimmer werden und du die Schwangerschaft bis zum Schluss einigermaßen genießen kannst.

Ich denke es ist vollkommen normal dass du Tom noch öfter mit dem falschen Namen ansprichst. Mir ist sogar bei der letzten Anmeldung zu einem Babykurs passiert, dass ich auf den Zettel Felix statt Moritz geschrieben habe. Das war echt seltsam und ist mir vorher noch nie passiert, aber ich hab’s dann auch nicht als so schlimm empfunden. Ich denke Eltern von mehreren Erdenkindern bringen auch öfter die Namen durcheinander und Felix ist eben trotz allem immer präsent für mich.
Auch dass es dauert, bis man es wirklich annehmen kann, dass ein neuer Mensch in einem wächst finde ich vollkommen in Ordnung.

Juni ist ein toller Monat :) ich bin auch ein Junikind :)

Hast du dir denn schon Gedanken über die Geburt gemacht? Wartest du bis es von selbst losgeht oder denkst du über eine Einleitung nach?

Ich habe bei Moritz bei 38+0 einleiten lassen, ich hätte es psychisch glaube ich nicht bis zum Schluss geschafft. Obwohl ich ein schlechtes Gewissen hatte, weil er nicht selbst entscheiden konnte wann er auf die Welt kommt. Aber wenn ich die letzten Wochen mit ihm im Bauch nur Angst gehabt hätte wärs wahrscheinlich auch nicht besser gewesen.

Ich wünsche dir eine schöne Woche,
Liebe Grüße :)

InaB

unregistriert

11

Montag, 11. Februar 2019, 18:43

Liebe Anja,

ich freue mich, dass du in dieses Forum gefunden hast und wir unseren Austausch fortführen können.
Danke für deine Erfahrungen im Umgang mit der Trauer und den Folgekindern. Ich finde es schade, wenn du schreibst, dass die Folgekinder keinen Bezug zum verstorbenen Geschwisterchen haben. Da hast du aber sicherlich recht, gerade wenn sie noch klein sind. Sie verstehen bestimmt erst mit den Jahren, was es wirklich mit ihrem Geschwisterchen auf sich hat. Ich hoffe allerdings sehr, dass sich der Bezug dann ändert.
Schön, dass du für dich einen guten Weg gefunden hast, von Tjure zu erzählen.

Letzte Woche hatte ich mir starke Sorgen gemacht, ob alles in Ordnung ist. Der Kleine hat sich zwar weiter fleißig bewegt, aber ich hatte irgendwie ein ungutes Gefühl und immer mal so ein Beklemmungsgefühl. Ich bin dann auch zu meiner Ärztin gegangen. Sie hat immer gesagt, dass ich jederzeit kommen kann. Im Nachhinein war es auch gut so, da sie mich jetzt erstmal für zwei Wochen krank geschrieben hat. Ich habe eine Trichterbildung am inneren Muttermund. Sonst ist alles wie es sein soll, aber wenn sich der Trichter weiter öffnet, kann es zu einer Frühgeburt kommen. Da ich erst in der 24. Woche bin, wäre das nicht so gut :(
Ich schone mich daher ganz doll und lasse meinen Mann den Haushalt schmeißen. Er hat zum Glück diese Woche sowieso Urlaub, da kann er sich gut um uns beide kümmern.
Ich hoffe sehr, dass durch die Schonung wieder alles gut wird/bleibt und ich normal die Schwangerschaft weiter genießen kann!

Eine schöne Woche an alle

FeliMo

unregistriert

12

Dienstag, 12. Februar 2019, 10:28

Liebe Ina,

Gerade gesehen, dass wir uns gestern fast überschnitten haben beim Schreiben :)

Ich wünsche dir gute Besserung, gut dass dein Mann im Moment zu Hause ist und du dich schonen kannst. Das war genau richtig, dass du gleich zu deiner Ärztin bist. Ich hoffe, dass die Schonung schnell Wirkung zeigt.


Alles Gute und eine schöne Woche.

InaB

unregistriert

13

Dienstag, 12. Februar 2019, 12:14

Liebe FeliMo,

gut, dass du nochmal geschrieben hast, ich habe deine Nachricht von gestern gar nicht gesehen :)
Danke für deine Wünsche!
Es beruhigt mich, dass du diese Schmerzen auch kennst. Bei unserem ersten Sohn hatte ich fast ständig verschiedene Schmerzen und habe mir da nie Gedanken gemacht. Dachte, da verändert sich ja so viel im Körper, da muss es ja auch mal weh tun. Und nun ist mir bei jedem kleinen Ziehen unwohl.

Ich kann gut verstehen, dass du eine Einleitung haben wolltest. Die letzten Wochen sind bestimmt nochmal schwer. Gerade um den Zeitraum herum, in dem Felix gestorben ist. Hat denn bei der Geburt von Moritz dann alles geklappt? Manchmal sind Einleitungsgeburten ja etwas langwieriger. Mir wurde gleich am Anfang geraten, mir eine PDA legen zu lassen, weil es eben so lange dauern kann und die Schmerzen auch stärken wären.
Am liebsten hätte ich diesmal eine ganz "normale" Geburt. Ich habe auch das Gefühl, dass der kleine Mann es gar nicht bis zum Schluss in mir aushält, sondern eh früher kommen wird. Das wäre natürlich schon irgendwie gut (wenn es nicht zu früh wäre). Aber schlussendlich bin ich mit allem zufrieden, solange er gesund zur Welt kommt.

Da hast du sicher recht, dass andere Eltern ihre Erdenkinder auch immer mal verwechseln. Daran habe ich irgendwie noch gar nicht gedacht, aber es ist ein beruhigender Gedanke. Vielleicht kann man die Verwechslung mit unseren Sternenkindern ja auch positiv sehen. So wie du schon schreibst, sie sind halt immer präsent. Das ist ja auch etwas schönes. :)

Eine schöne Woche und viel Spaß beim Hinterherrobben :D

FeliMo

unregistriert

14

Sonntag, 17. Februar 2019, 11:29

Liebe Ina,

Ich hoffe dir bzw euch geht es gut und die Schonung hat sich schon positiv ausgewirkt. Wie lange bist du denn krankgeschrieben?

Mir ging es in der Schwangerschaft mit Moritz ähnlich wie dir jetzt, bei jedem stärkeren ziehen oder Schmerz hab ich mir immer gleich Sorgen gemacht. Bei Felix war ich da total entspannt, wie du schon schreibst es war ganz normal, weil man ja weiß es verändert sich soviel im Körper.
Ja du hast recht, die letzten Wochen der Schwangerschaft mit Moritz waren psychisch sehr anstrengend, zum Glück hat sich Moritz immer sehr viel bewegt, das gab mir ein bisschen Sicherheit. Und trotzdem hatte ich fast jeden Tag einen Moment wo ich dachte, jetzt ist wieder alles vorbei.


Die Geburt von Moritz dauerte sehr lange, die Einleitung zog sich über drei Tage. Am ersten Tag hat die Einleitung gut angeschlagen und ich hatte schon regelmäßig Wehen, daraufhin wurde die Tablettendosis verringert. Durch das kam es zu einem kompletten Stillstand, keine Wehen mehr :( dann haben wir wieder von vorne angefangen. Letztendlich benötigte ich einen Wehentropf und dann wars aber richtig heftig mit den Wehen und eine PDA ging nicht mehr. Moritz war auch noch ein Sternengucker und rutschte nicht richtig ins Becken, zum Glück hatte ich eine tolle Hebamme die es geschafft hat ihn richtig zu drehen, sonst wäre es noch ein Kaiserschnitt geworden.
Aber es ist alles gut gegangen und das ist was zählt. Als Moritz dann da war waren alle Strapazen vergessen :love: ich glaube meinen Mann hat es mehr mitgenommen als mich ;) der war am Tag darauf noch ganz fertig.


Ich kann deinen Wunsch nach einer normalen Geburt sehr gut verstehen und auch dass es etwas früher losgehen soll. Das hatte ich mir tatsächlich auch so vorgestellt. Ich hoffe bei dir klappt es genauso wie du es dir wünschst.

Ich wünsche euch einen schönen sonnigen Sonntag und eine schöne Woche :)

Anja

unregistriert

15

Montag, 18. Februar 2019, 21:38

Liebe Ina!

Also zu den Schmerzen kann ich nicht viel sagen. Mir hat das nie was ausgemacht. Ich habe zweimal kräftige und normal große Zwillinge bis 36/37 Woche getragen. Mein Motto war immer: schön weitermachen. Ich habe in der ersten Schwangerschaft ein Haus renoviert und einen Umzug acht Wochen vor Geburt mitgemacht, Vollzeit gearbeitet und noch die Uroma gepflegt. Das zweite Mal habe ich wieder renoviert, Teilzeit gearbeitet, Omas Wasserkisten und Einkäufe getragen und mich um den Großen, der bedingt durch den Autismus immer noch nicht laufen konnte, gekümmert. Da war keine Zeit zum Ausruhen. Ich wusste, dass Tjure sehr krank ist, von daher kann ich nicht wirklich mitreden. Aber ich glaube ganz fest daran, dass das Schicksal schon vorab bestimmt ist und sich keine Mama, deren Kind plötzlich verstirbt, Vorwürfe machen sollte, ob es ihr an Schonung oder sonst was gemangelt hat. Es ist leider so, dass zum Beispiel eine Plazentaablösung schnell und ohne Schmerzen geschieht. Genauso, wie Krebspatienten erst dann Schmerzen haben, wenn er schon weit fortgeschritten ist. Das ist gemein und wir wissen nicht, warum der Körper kein Frühwarnsystem hat. Aber schlechte Gedanken verursachen Kummer und Sorgen, die auch der Bauchbewohner spürt. Schmerzen gehören dazu. Geburtswehen sind ja auch ganz schön anstrengend, aber nicht bedenklich für Mutter und Kind. Das habe ich bei den zweiten Zwillingen festgestellt, als der Kleinere schon während der Fahrt zum Krankenhaus unterwegs war. :-) Es bleibt auch nach der Geburt auf andere Art anstrengend, aber es wird besser. Dir weiterhin viel Erfolg und ordentlich Getrampel in deinem Bauch! ;-) Du schaffst das!

Schöne Grüße, Anja