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Svenja81

unregistriert

1

Montag, 4. Mai 2020, 14:52

Stille Geburt belastet die Beziehung zwischen meiner Schwester und mir

Hallo Zusammen,

wie viele andere hier muss auch ich etwas ausholen, um meine Geschichte zusammenzufassen. Ich hoffe ihr seht mir das nach.

Es geht um meine kleine Schwester, die leidvolle vier Jahre hinter sich hat. 2016 hatte sie eine recht schwere Depression und hat fast ein Jahr lang wieder bei meinen Eltern gewohnt. In diesem Jahr ist mein erstes Kind geboren. Nach ihrer Depression fing sie wieder an zu arbeiten und wollte eigentlich mit ihrem Mann auch gleich schwanger werden. Leider hat es zwei Jahre lang nicht geklappt, sodass sie schon in Behandlung bei einem Kinderwunschzentrum waren. Die erste Insemination dort hat dann funktioniert, aber leider war schnell klar, dass es eine Eileiterschwangerschaft war. Ich war zu diesem Zeitpunkt mit meinem zweiten Kind schwanger. Ein paar Monate nachdem sie die Eileiterschwangerschaft ohne OP überstanden hat, wurde sie auf natürlichem Wege schwanger und war zum ersten Mal seit ihrer Depression wieder richtig glücklich. Wir alle haben uns riesig mit ihr und ihrem Mann gefreut und waren überzeugt, dass diesmal alles gut werden würde. Im September 2019 kam mein zweiter Sohn auf die Welt. Im Januar 2020 fand meine Schwester heraus, dass ihr Sohn in der 31. Schwangerschaftswoche gestorben war und sie musste ihn still zur Welt bringen. Für sie ist eine Welt zusammengebrochen, wie ihr euch vorstellen könnt. Wir können alle nicht verstehen, warum das passiert ist und warum es vor allem ihr passiert ist. Sie tut mir so unendlich leid, ich finde es furchtbar, dass ich ihr gar nicht helfen kann, und gleichzeitig belastet mich die Situation sehr. Sie ist sehr stark auf meine Eltern und mich angewiesen, um sie immer wieder zu trösten und sie daran zu erinnern, dass die Chancen gut stehen, dass sie nochmal schwanger wird und ein gesundes Kind bekommen kann. Sie glaubt gar nicht mehr daran, dass sie jemals wieder schwanger wird und hat sehr starke Ängste, auch in Bezug auf ihre Angehörigen, bzw. vor allem ihren Mann. Im März kam ja dann auch noch Corona daher und hat die Situation für sie noch einmal verschlechtert, weil ihr ganzes Supportsystem erstmal zusammengeklappt ist. Mit Freunden kann sie sich nicht mehr treffen, eigentlich bleiben ihr momentan nur unsere Eltern. Ich lebe 400 km entfernt und bin so gut es geht telefonisch für sie da.
Mit zwei kleinen Kindern ist es allerdings nicht unbedingt einfach, sie so zu unterstützen, wie sie es von mir braucht. Oft telefoniere ich abends stundenlang mit ihr, mit fortlaufender Isolation bin ich allerdings auch nervlich sehr angespannt. Die Situation führt irgendwie zu einem großen Graben zwischen uns, da ich natürlich in ihren Augen keinen Grund habe, mich zu "beschweren", wenn der Tag mit den zwei kleinen Kindern anstrengend war. Meistens versuche ich gar nicht mit ihr über mein Leben zu sprechen, da ich sowieso schon ein schlechtes Gewissen habe, weil bei mir alles glimpflich gelaufen ist mit der Familienplanung. Ich weiß, dass ich nichts dafür kann, aber es belastet mich so sehr, dass unsere Leben so auseinander driften. In den letzten Wochen gab es am Telefon auch immer wieder Spannungen zwischen uns, weil ich entweder nicht so reagiert habe wie sie es brauchte, oder sie mir unterstellt hat, dass ich gar nicht zu schätzen wüsste, was für ein Glück ich mit den Kindern habe... Es ist wirklich vertrackt.

Hat jemand eine ähnliche Situation mit Schwester oder Freundin und könnte mir mal berichten, wie sich diese Schicksalsschläge auf eure Beziehung ausgewirkt hat? Ich würde mich über Austausch freuen.

Alles Liebe
Svenja

maggy

unregistriert

2

Mittwoch, 3. Juni 2020, 22:47

Liebe Svenja.
Das ist ja allerhand, wie bekommst du das hin? Zwei kleine Kinder und dann noch abends stundenlang für deine Schwester da sein... Du musst sie sehr lieben. Vergiss aber nicht, dass sie nicht die einzige ist, die du liebst. Du liebst auch noch deine Kinder und deinen Mann und und und... Dass deine Schwester eine schwere, sehr schwere Zeit durchmacht, ist offensichtlich. Aber du wirst ihr das Schwere nicht abnehmen können, schon gar nicht, wenn du dich selbst kaputt machst. Sie wird dieses Leid verarbeiten müssen, nicht du für sie. Du kannst ihr lediglich eine Hilfe zum Verarbeiten sein, aber auch das nur, wenn du genug Kraft aus anderen Quellen schöpfen kannst, und dich nicht ständig und fast ausschließlich mit ihr beschäftigst.

Es gibt im Moment wahrscheinlich fast gar nichts, was deine Schwester wirklich trösten kann, deshalb wundere dich nicht, wenn sie auf deine Worte gereizt reagiert oder dir das Gefühl gibt, dass du sie gar nicht vestehst. Ja das denkt sie wirklich, denn genau genommen kannst du sie auch nicht wirklich verstehen - einfach weil du ihr Leid noch nie erlebt hast. Aber so geht es uns ja allen in Situationen, die wir nicht erlebt haben, sei es, wenn wir einen Witwer trösten oder eine Sterbende begleiten - wir haben ihr Leid nicht erlebt, aber wir können ihnen unser Mitleiden und unsere Liebe trotzdem zeigen. Und es hilft ihnen auch wirklich, auch wenn sie es im Augenblick nicht wahrhaben wollen oder uns sogar durch ihre Reaktionen verletzen. Verletzte Menschen haben so viel damit zu tun, ihre eigenen Verletzungen zu verarbeiten, dass sie oft nicht in der Lage sind zu merken, dass sie andere auch verletzen. Mir scheint, dass in eurem Fall deine Schwester es als selbstverständlich ansieht, dass du sie tröstest, dir Zeit für sie nimmst, ihr zuhörst... Sie handelt egoistisch. Aber vermutlich kann sie im Moment nicht anders. Und wahrscheinlich ist die beste Hilfe, die du ihr im Moment geben kannst, dass du diese ihre Form von Egoismus, den das erlebte Leid hervorgekehrt hat, einfach erträgst, ohne selber daran zu zerbrechen. Liebe sie, sei für sie da, telefoniere, wenn du dir die Zeit dafür nehmen kannst, aber denke nicht, dass du sie heilen wirst. Ertrage sie einfach, wie sie gerade ist. Und wie oben erwähnt, schöpfe aus anderen Quellen Kraft, zB unter anderem aus der Liebe deines Mannes, wenn das geht, oder einer Freundin, oder aus dem Glauben an Gott. Und höchstwahrscheinlich wird eine Zeit kommen, wo es wieder leichter wird, deine Schwester zu ertragen. Wenn ihre innere Verletzung zu heilen beginnt, habt ihr gute Chancen, dass auch eure Beziehung wieder besser wird. Ich muss dir Respekt dafür aussprechen, dass du es schaffst, im Gespräch mehr über sie als über dich zu sprechen. Aber lass dein Leben nicht ganz weg beim Reden. Ab und zu lass ruhig ein paar "harmlose" Kleinigkeiten einfließen, über das Zimmer, das ihr renoviert, oder das Restaurant, das gutes Essen hat, irgendwas, dass deine Schwester mit der Zeit merkt, dass auch du ein Leben hast und dass das Leben sich nicht nur um sie dreht, auch wenn sie etwas unsagbar Schweres zu tragen hat. Und wenn euer Gespräch mal wieder im Misston endet, dann sprich diesen Misston beim nächsten Mal nicht an, wenn sie es nicht tut, sondern vergib ihr innerlich und sprich weiter. Manchmal wird es ihr helfen, wenn du dich für Worte entschuldigst, die sie offensichtlich verletzt haben, auch wenn du das nicht absichtlich gemacht hast. Selbst wenn sie selbst am Misston die größere Schuld hat, wird ihr deine Entschuldigung helfen.

Liebe Svenja, ich weiß nicht, ob meine spontanen Gedanken zu deinem Bericht hilfreich oder verständnisvoll genug sind, ob sie dir helfen oder dich noch mehr stressen. Aber du tatst mir so leid, und ich dachte, irgendwie will ich doch reagieren.
Als ich meinen Josua tot geboren habe, in der 39.Woche, bekam meine Schwägerin einen Tag nach seinem Tod einen gesunden Sohn. Meine erste Begegnung mit ihr und ihrem Sohn war sehr schwer, auch ihr Kommentar fand ich damals nicht sehr verständnisvoll (ich glaube, wir Sternenmuttis sind sehr verletzlich), aber mit der Zeit merkte ich, dass sie sich mit mir echt Mühe gibt. Josuas Tod ist 8 Jahre her, die meisten meiner Freunde und Verwandte erwähnen ihn von sich aus nicht, aber meine Schwägerin denkt regelmäßig an ihn und lässt mich das wissen, das finde ich sehr schön... Hätte sie damals aufgegeben, als ich ihr innerlich vorwarf, mich nicht zu verstehen, wäre unsere Beziehung vielleicht dauerhaft geschädigt. Aber sie hat nicht aufgegeben. Und ich bin froh, dass ich in ihr heute eine Person habe, mit der ich offen über Josua reden kann...
Bitte gib nicht auf!
Sei lieb gegrüßt
Maggy